Die Digitalisierung des Reisemarktes hat Giganten wie Booking.com oder Airbnb hervorgebracht. Während Hotels und Flüge längst plattformübergreifend verglichen werden, steckt der Bahnmarkt in vielen Teilen Europas noch in staatlichen Strukturen fest. Hier setzt Trainline an. Als europäischer Marktführer bei der Buchung von Zugtickets schickt sich das Unternehmen an, das Chaos der verschiedenen Bahngesellschaften zu aggregieren.
Das Geschäftsmodell: Aggregation als Erfolgsschlüssel
Trainline fungiert als zentrale Schnittstelle für Bahnreisende. Das Herzstück des Erfolgs liegt bisher in Großbritannien (UK). Dort herrscht ein fragmentierter Markt mit vielen privaten Anbietern, was die Ticketbuchung historisch kompliziert machte. Trainline hat diese Angebote gebündelt und bietet eine aufgeräumte, nutzerfreundliche App, die mittlerweile weit bessere Bewertungen erhält als viele staatliche Alternativen.
Die drei Säulen des Wachstums:
- B2C-Kerngeschäft: Einfache Buchung für Privatpersonen, insbesondere in UK, Spanien und Südfrankreich.
- Internationalisierung: Expansion in Märkte wie Deutschland, wobei hier die Konkurrenz durch lokale Apps (wie den DB Navigator) stark bleibt.
- Trainline Business (B2B): Kooperationen mit Firmen wie Nava. Unternehmen erhalten eine Komplettlösung für Dienstreisen, die oft auch Schnittstellen für Hotels und Flüge beinhaltet – ein geschützter Bereich, der besonders für internationale Reisende (z. B. aus den USA) attraktiv ist.
Warum die Aktie jetzt einen Blick wert ist
Philip H von Investor Search sieht bei der Trainline-Aktie aktuell eine deutliche Diskrepanz zwischen Marktwert und Potenzial.
1. Attraktive Bewertung
Trotz eines Wachstums von zuletzt rund 20 % wird die Aktie aktuell nur mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von etwa 11 bewertet. Für einen Marktführer in einem strukturell wachsenden Sektor ist das untypisch niedrig. Sollte der Markt das Vertrauen zurückgewinnen und die Aktie wieder in Richtung eines 20er KGVs tendieren, wäre eine Rendite von 30 % pro Jahr über die nächsten drei Jahre denkbar.
2. Liberalisierung als Rückenwind
Ähnlich wie im Fernbusmarkt (FlixBus) findet in Europa eine zunehmende Liberalisierung der Schiene statt. Sobald private Anbieter wie FlixTrain oder Konkurrenten in Frankreich und Spanien zunehmen, wächst der Bedarf an Preisvergleichen. Trainline ist hier ideal positioniert, um als unabhängiger Makler zu profitieren.
3. „Grüne Aktie“ mit Übernahmefantasie
Als Förderer des Schienenverkehrs passt Trainline in jedes ESG-Portfolio. Zudem macht die Marktstellung das Unternehmen zu einem attraktiven Übernahmekandidaten. Für einen strategischen Käufer wäre der Zugang zu diesem Travel-Vertical bei einer aktuellen Bewertung von rund 1 Milliarde Pfund durchaus erschwinglich.
Risiken: Der Staat als Bremsklotz
Wo Licht ist, ist bei Trainline auch regulatorischer Schatten. Die größte Gefahr für das Investment Case ist die Abhängigkeit von staatlichen Stellen:
- Kommissionsraten: Die Bahngesellschaften regeln, wie viel Provision Trainline pro Ticket erhält. Kürzungen in der Vergangenheit haben das Wachstum zeitweise gebremst.
- Wettbewerb: Staatliche Bahnen sehen private Buchungsportale ungern und versuchen, ihre eigenen Apps durch Exklusivvorteile oder Werbeverbote an Bahnhöfen zu schützen.
- Regulierung in UK: Bestrebungen zur Schaffung einer neuen staatlichen Dachgesellschaft für die britische Bahn sorgen für Unsicherheit bezüglich der künftigen Marktanteile.
Fazit: Ein Value-Play im Wachstumsmarkt?
Trainline bietet ein modernes, funktionales Produkt in einem Markt, den staatliche Anbieter digital oft nur stiefmütterlich behandeln. Das größte Argument ist derzeit der Preis: Ein KGV von 11 für einen wachsenden Marktführer wirkt fast wie eine Fehlbewertung.
Einschätzung von Investresearch: Aufgrund der regulatorischen Risiken in UK sollte die Positionsgröße moderat gewählt werden. Dennoch bleibt die Aktie aufgrund der Internationalisierung und der B2B-Stärke eine spannende Wette auf die Zukunft der europäischen Mobilität.