Leapmotor: Der günstige China-EV-Hersteller mit Stellantis-Partnerschaft und starkem Wachstum – interessant als Zweitwagen und als Aktie
Hohe Spritpreise lassen viele Autofahrer wieder über Elektroautos nachdenken – sei es als Erstwagen oder, noch häufiger, als günstigen Zweitwagen für den Alltag und kürzere Strecken. Genau in dieses Segment zielt Leapmotor (chinesisch: 零跑汽车), ein noch relativ unbekannter chinesischer Hersteller, der in Europa zunehmend Präsenz zeigt. Was als Nischenmarke begann, hat sich in China zu einem der am schnellsten wachsenden Anbieter im Massenmarkt entwickelt und profitiert von einer strategischen Partnerschaft mit Stellantis.
Unternehmen und Positionierung
Leapmotor wurde 2015 in Hangzhou gegründet und spezialisiert sich auf intelligente Elektrofahrzeuge (BEV) und Range-Extender-Modelle (EREV) im unteren bis mittleren Preissegment. Anders als die Premium-Marken NIO oder Li Auto positioniert sich das Unternehmen klar als Konkurrent zu BYD – preislich attraktiv, technisch solid und mit starker Software- und IT-Kompetenz. Der Gründer und CEO Zhu Jiangming kommt aus dem Bereich Kameras und künstliche Intelligenz (Mitgründer von Dahua Technology) und hat sich inzwischen vollständig auf Leapmotor konzentriert. Das Unternehmen ist stark vertikal integriert und legt besonderen Wert auf eigene Software, zentrale elektronische Architekturen und intelligente Cockpit-Systeme. In einer Branche, in der Batterien zunehmend zur Commodity werden und sich leichter zukaufen lassen (etwa von CATL oder Samsung), könnte dieser Software- und Digital-Schwerpunkt mittelfristig wichtiger werden als reine Batterietechnologie.
Modelle und Angebot in Europa
In China gehört der C10 (ein kompakter bis mittelgroßer SUV, der an Modelle wie den BMW X1 erinnert) zu den starken Verkäufern. Daneben gibt es kleinere Stadtflitzer wie den T03. In Europa sind seit 2024 vor allem der T03 (A-Segment-Kleinwagen ab ca. 18.900 €) und der C10 (D-Segment-SUV ab ca. 36.000 €) verfügbar. Neue Modelle wie der A10 (kompakter SUV) und weitere Varianten folgen. In Deutschland und anderen europäischen Märkten werden die Fahrzeuge über das Stellantis-Händlernetz angeboten – häufig mit attraktiven Leasingkonditionen und Nutzung von Förderungen. Feste Kaufpreise stehen oft hinter Leasingangeboten zurück; Raten für den T03 lagen zeitweise sogar unter 50–90 € monatlich (je nach Aktion und Förderung).
Die Stellantis-Partnerschaft als Sicherheitsnetz
Entscheidend für die internationale Expansion ist die Kooperation mit Stellantis. Seit 2023 hält Stellantis rund 20 Prozent (nach späteren Kapitalmaßnahmen etwas darunter) an Leapmotor und ist damit einer der größten Anteilseigner. Parallel existiert das Joint Venture Leapmotor International (51 % Stellantis / 49 % Leapmotor), das den Vertrieb und künftig auch die Produktion außerhalb Chinas steuert. Dadurch können Zölle umgangen und lokale Fertigung (z. B. geplante Modelle in Spanien) aufgebaut werden. Für europäische Kunden bedeutet das: bekannte Händlerstrukturen, Service-Netz und eine gewisse „westliche“ Absicherung. Gleichzeitig profitiert Stellantis von Leapmotors günstiger und schneller EV-Technologie.
Wachstum und Marktposition in China
Leapmotor gehört zu den am stärksten wachsenden chinesischen NEV-Herstellern („New Forces“). 2025 lieferte das Unternehmen rund 597.000 Fahrzeuge aus – mehr als eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr – und erreichte erstmals die Jahresprofitabilität. Die Cash-Position ist robust, das Wachstum setzte sich 2026 fort: In einzelnen Monaten (z. B. Juni) wurden Rekordwerte von über 90.000 Einheiten gemeldet, und das Unternehmen lag zeitweise unter den Top-Marken hinter BYD. Während etablierte Hersteller und sogar einige Konkurrenten stagnierten oder Rückgänge verzeichneten, legte Leapmotor weiter zu. Für 2026 strebt das Unternehmen die Marke von einer Million Fahrzeugen an.
Bewertung und Investmentthese
Die Marktkapitalisierung lag Mitte 2026 im Bereich von rund 5–6 Milliarden US-Dollar. Bei einer soliden Netto-Cash-Position und einem erwarteten Wachstum, das zwar von den extremen Raten der Vergangenheit zurückgehen wird, aber weiterhin hoch bleibt, wirkt die Bewertung im Vergleich zu anderen EV-Titeln günstig. Forward-KGVs im niedrigen zweistelligen Bereich (teilweise sogar deutlich darunter, cash-bereinigt) werden genannt. Wer ein KGV von 15–20 bei anhaltendem Wachstum für gerechtfertigt hält, sieht hier Aufwärtspotenzial – zumal chinesische EV-Aktien historisch oft mit einem deutlichen Abschlag gegenüber westlichen Titeln (Stichwort Tesla) gehandelt werden.
Natürlich bleibt der Automobilsektor hart umkämpft. Margen sind begrenzt, der Wettbewerb (auch unter chinesischen Herstellern) intensiv, und geopolitische Risiken sowie Zölle sind nicht von der Hand zu weisen. Volkswagen und andere europäische Hersteller bauen Kapazitäten ab, während chinesische Anbieter Marktanteile gewinnen – international zunehmend auch. Leapmotor profitiert davon, ohne im Luxussegment mitzuspielen, und bietet mit seiner Software-Orientierung und der Stellantis-Anbindung ein differenziertes Profil.
Fazit
Leapmotor ist weder der teuerste noch der bekannteste Name unter den chinesischen Elektroauto-Herstellern – und genau das macht ihn für manchen Anleger und Autokäufer interessant. Als preiswerter Zweitwagen-Kandidat (oder Erstwagen für preissensible Käufer) überzeugt das Angebot in Europa bereits heute durch Leasingkonditionen und die Anbindung an Stellantis. Als Aktie kombiniert das Unternehmen starkes operatives Wachstum, eine solide Bilanz und eine vergleichsweise moderate Bewertung. Ob das ausreicht, um in den kommenden Jahren eine deutliche Aufholjagd zu starten, bleibt abzuwarten – die grundlegenden Zutaten (Produkt, Partnerschaft, Wachstum und Bewertung) sind jedoch vorhanden.
Hinweis: Dies ist keine Anlageberatung. Kurse, Bewertungen und Geschäftsdaten ändern sich laufend. Eigene Recherche und gegebenenfalls Beratung sind unerlässlich.